Mit dem Wohnmobil von Tecate bis Loreto

Der Grenzübertritt markiert oft mehr als nur einen Länderwechsel. Für uns bedeutete Tecate den Übergang von Ordnung zu Leben, von Struktur zu Chaos – im besten Sinne. Nach acht Monaten in den USA und Kanada fühlte sich Mexiko vom ersten Moment an wieder vertraut an. Ein bisschen unordentlicher, ein bisschen lauter, ein bisschen schmutziger. Aber vor allem: echter.
Entspannter Grenzübertritt bei Tecate
Ganz bewusst entschieden wir uns gegen die große Grenze in Tijuana und für den kleinen Übergang bei Tecate – eine Entscheidung, die sich sofort bezahlt machte. Als wir ankamen, war schlichtweg nichts los. Kein Stau, kein Stress, keine Hektik. Die Grenzbeamten waren freundlich, entspannt und gut gelaunt. Eine Heckkiste mussten wir öffnen, die zweite interessierte schon niemanden mehr. Ein kurzer Blick in den Innenraum – das war’s.
Ohne dass wir danach gefragt hätten, genehmigte man uns direkt sechs Monate Aufenthalt. Dazu gab es noch ein paar hilfreiche Tipps: ein längeres Stück ohne Tankstellen, besser vorher noch einmal volltanken. Kein erhobener Zeigefinger, sondern ehrliche Hilfsbereitschaft. Willkommen zurück in Mexiko. 💚🤍❤️
Erste Nacht zwischen Weinreben
Unsere erste Nacht verbrachten wir auf dem Weingut L.A. Cetto, mitten im Valle de Guadalupe. Umgeben von Weinbergen, ruhig, idyllisch und völlig unkompliziert. Das Stehen ist kostenfrei, eine Flasche Wein zu kaufen gern gesehen – aber kein Muss. Für uns der perfekte Einstieg: langsam ankommen, durchatmen, genießen.


Ensenada & Delfine zur Begrüßung
In Ensenada füllten wir unsere Vorräte auf und steuerten anschließend einen Stadtstrand-Campingplatz an. Kaum angekommen, wurden wir direkt belohnt: Delfine zogen ihre Bahnen im Wasser. Ein dieser kleinen Momente, die man nicht planen kann – die aber für immer hängen bleiben.


Entschleunigung bei Cielito Lindo
Weiter südlich fanden wir mit dem Cielito Lindo einen Ort, der genau das bot, wonach wir gesucht hatten: Weite, Ruhe und Zeit. Ein wunderschöner Strand, weite Dünen, spektakuläre Sonnenuntergänge. Ideal zum Spazierengehen, zum Abschalten, zum Ankommen. Fünf Tage blieben wir hier – ganz bewusst. Die Baja wollten wir langsam angehen, die letzten intensiven Wochen hinter uns lassen und der Reise Raum geben.


Valle de los Cirios – Riesen der Wüste
Dann ging es ins Valle de los Cirios, eine der faszinierendsten Wüstenlandschaften der Baja California. Hier wachsen einige der größten Kakteen der Welt, darunter die bis zu 20 Meter hohen Cardón-Kakteen, die nur auf der Baja vorkommen. Das Gebiet steht unter Naturschutz und wirkt fast außerirdisch: karge Ebenen, bizarre Pflanzenformen und eine unglaubliche Stille. 🌵


Hier trafen wir Chris alias chriscrossglobalswiss aus der Schweiz, unterwegs im Land Rover Defender mit seinem querschnittsgelähmten Dackel Hunter, der mit Rollstuhl putzmunter die Wüste erkundete. Ein wirklich herzerwärmender Anblick. Wir verbrachten einen ganzen Tag zusammen, tauschten Geschichten aus und genossen abends einen Sternenhimmel, wie wir ihn zuletzt in Chile oder Bolivien gesehen hatten. Klar, kalt, überwältigend. Leider war dies aber auch der Ort, an dem wir uns Maus Nummer drei einfingen…



San Ignacio – Oase mit Schattenseiten
Von der Wüste fuhren wir weiter nach San Ignacio, einer grünen Oase mitten auf der Baja. Die Dattelpalmen gehen auf die Jesuiten zurück, die hier im 18. Jahrhundert eine Mission gründeten und ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem anlegten. Der Ort liegt eingebettet zwischen Palmenhainen und Vulkanbergen und wirkt wie ein kleines Wunder in der kargen Einöde.


Wir checkten auf einem wunderschönen Campingplatz unter Palmen ein – mit Blick auf einen von Kakteen übersäten Bergrücken.


Doch die Idylle bekam schnell einen Riss: Simon verlor eine Plombe und bekam nachts starke Zahnschmerzen. San Ignacio selbst ist winzig – ohne Zahnarzt. Also organisierte ich kurzerhand einen Notfalltermin in Santa Rosalía, rund 80 Kilometer entfernt.
Zahnarztbesuch in Santa Rosalía
Um neun Uhr morgens rief ich bei einer Zahnärztin an – um zwölf Uhr konnten wir kommen. Sie schob uns notfallmäßig dazwischen. Die Behandlung war professionell, ruhig und vor allem: schmerzfrei. Der entzündete Nerv wurde behandelt, das Loch mit einem Provisorium geschlossen. Schnell war jedoch klar: Eine Krone wird nötig sein – gefertigt allerdings nur in Tijuana. Vier Wochen Zahnarzt-Odyssee, die unsere Reisepläne komplett verändern sollte.

Besonders spannend war zu sehen, wie dort gearbeitet wurde: keine Assistentin, kein Computer, Termine handschriftlich in einem dicken Notizbuch. Die Zahnärztin wechselte selbst die Bohrer, saugte den Speichel ab und blieb sogar beim Röntgen im Raum. Eine völlig andere Welt – und trotzdem fühlten wir uns sehr gut aufgehoben.
Am Abend parkten wir an der Marina von Santa Rosalía und trafen dort auf Thibaut: einen jungen Franzosen, der uns ein großes Stück selbst gefangene Seezunge schenkte. Simon ging es nach dem Zahnarzt erstaunlich gut – sogar gut genug, um selbst noch angeln zu gehen und ebenfalls einen Fisch zu fangen.

Weihnachten unter Vanlifern
Die große Frage war nun: weiter nach Süden oder zurück nach San Ignacio und von dort aus später erneut nach Santa Rosalía? Wir entschieden uns fürs Umdrehen. Und wie es der Zufall wollte, trafen wir auf dem Campingplatz Ralph Lehbek, den wir Monate zuvor schon in Kanada getroffen hatten.
Zu Weihnachten wuchs die Runde weiter an und zwar um:

Tom & Caro alias the_roaming_bob aus Österreich
Ralph alias lebekralph aus Darmstadt
Tanja & Stephan alias _frexplorer_ aus Freiburg
Karin & Claus alias vanlife65plus_ aus der Pfalz
Und natürlich unsere Wenigkeit – Simon & Julia aka siju_campervan aus Malsch bei Karlsruhe 😉
Gemeinsam gingen wir an Heiligabend essen – einfach, entspannt, genau richtig. Kochen für so viele wäre spontan kaum machbar gewesen. Eine dieser Begegnungen, die Vanlife so besonders macht. 🚐✨

Nach insgesamt acht Tagen wechselten wir den Platz und zogen für zwei Nächte direkt an die Lagune San Ignacio. Mit Kajaks paddelten wir durch die Lagune, beobachteten unzählige Vögel und genossen die Ruhe.



Santa Rosalía, Eiffel & zweite Zahnarztrunde
Am 29.12.25 fuhren wir erneut nach Santa Rosalía zum Zahnarzt. Der Nerv war ruhig, alles sah gut aus. Das Provisorium wurde erneuert, am nächsten Tag der Abdruck für die Krone genommen. Dieses Mal schauten wir uns auch die Iglesia Santa Bárbara an – ein wirklich außergewöhnliches Bauwerk. Die Kirche wurde Ende des 19. Jahrhunderts von Gustave Eiffel entworfen und ursprünglich für eine Weltausstellung gefertigt. Später wurde sie zerlegt, per Schiff nach Mexiko gebracht und hier wieder aufgebaut – ein kurioses Stück europäischer Industriegeschichte mitten auf der Baja.



Jahreswechsel an der Bahía Concepción
Von Santa Rosalía aus ging es weiter zur Bahía Concepción, genauer gesagt zur wunderschönen Playa El Requesón.


Und wieder trafen wir – fast unwirklich – genau die gleiche Truppe wie an Weihnachten: 🤩

Tom & Caro, Karin & Claus, Stephan & Tanja, Ralph sowie obendrein Philipp & Regula aus der Schweiz (ebenfalls im Renault Master unterwegs, aber als 4×4 mit Zwillingsreifen).


Silvester wurde gemeinsam gegrillt. Jeder brachte etwas mit: Fisch, Fleisch, Garnelen, Salate. Dazu ruhiges Wasser, perfekte Bedingungen fürs Stand-Up-Paddling und drei sehr entspannte Tage.


Und dann: Drohnencrash Nummer zwei. Während ich auf dem SUP unterwegs war, flog Simon mit der Drohne hinter mir her. Beim Rückwärtsflug übersah er einen Felsen – kein Sensor, ein kurzer Moment, ein dumpfes Geräusch. Ich paddelte ans Ufer, zog das Board an Land und kletterte barfuß über Felsen und Dornengestrüpp. Tatsächlich fand ich die Drohne unbeschädigt im Gebüsch. Glück im Unglück!
Loreto – U-Turn auf der Baja California
Nach dem wir alle verabschiedet hatten trafen wir zufällig noch ein belgisches Rentnerpaar wieder, das wir zuletzt 2023 in La Serena, Chile gesehen hatten – unterwegs mit einem riesigen MAN Expeditionsmobil. Welch schöne Überraschung! Die Welt ist manchmal doch erschreckend klein.

Dann ging es auch für uns weiter nach Loreto, unserem vorläufigen Wendepunkt. Ein hübscher, sehr touristischer Ort mit subtropischer Vegetation: Palmen, lange Strände, karge Berge – fast ein bisschen wie Thailand. Direkt vor der Stadt lag bei unserer Ankunft ein großes Kreuzfahrtschiff voller US-amerikanischer Rentner, die für Leben in den Straßen sorgten.


Der von uns angesteuerte Campingplatz war wegen eines Events geschlossen, also parkten wir spontan am Malecón, direkt an der Uferpromenade – mit Meerblick. Nachts etwas Trubel, aber insgesamt ruhig und sicher. Loreto wirkt entspannt, aufgeräumt und stark geprägt vom Tourismus.




Und auch geschichtlich ist Loreto besonders: 1697 landete hier der Jesuitenpater Juan María de Salvatierra und gründete die erste Mission der Baja California. Von hier aus begann die Kolonialisierung der Halbinsel. Heute liegt mit dem Parque Nacional Bahía de Loreto einer der wenigen Nationalparks Mexikos direkt vor der Haustür – ein Grund, warum sich hier viele US-Amerikaner dauerhaft niedergelassen haben.
Wir erkundeten die Stadt zu Fuß, aßen hervorragende Tacos – und mussten uns eingestehen: Wahrscheinlich werden wir nicht weiter nach Süden fahren. Mitte Januar steht der nächste Zahnarzttermin an. La Paz und Todos Santos müssen warten. Mit einem weinenden Auge – aber auch mit ganz viel Dankbarkeit. Denn am Ende ging ja mal wieder alles gut. 🍀
Wie unsere Baja-California-Reise weitergeht erfahrt ihr im nächsten Beitrag – in Teil 2.
Bis dahin schaut gerne auf unserem YouTube-Kanal vorbei – dort seht ihr all das nämlich in bewegten Bildern.
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